„Meine Anlage bringt weniger, als sie soll.“ Diesen Satz höre ich oft. Er ist der Anfang, aber er reicht nicht. Wer gegenüber einem Installateur, einer Versicherung oder vor Gericht einen Minderertrag geltend machen will, muss ihn beweisen – mit Zahlen, einer nachvollziehbaren Sollberechnung und einer sauberen Ursachenzuordnung. Genau das leistet ein Ertragsgutachten. Welche Gründe hinter einem Minderertrag stecken können, habe ich an anderer Stelle beschrieben; hier geht es darum, wie man ihn nachweist.
Schritt 1: Den Sollertrag bestimmen
Bevor man über „zu wenig“ reden kann, braucht man ein „so viel sollte es sein“. Der Sollertrag wird als spezifischer Ertrag in Kilowattstunden pro installiertem Kilowatt-Peak und Jahr (kWh/kWp) angegeben. In Nordrhein-Westfalen liegt dieser Wert für eine gut ausgerichtete Anlage grob zwischen 900 und 1.000 kWh/kWp im Jahr – abhängig von Dachneigung, Ausrichtung und Verschattung.
Für ein Gutachten reicht ein Faustwert nicht. Ich berechne den Sollertrag standortgenau, etwa mit einer Simulation auf Basis von Einstrahlungsdaten (z. B. PVGIS) und den konkreten Anlagendaten. Verschattung wird dabei gesondert betrachtet – wie stark sie wirkt, habe ich im Beitrag zur Verschattung gezeigt.
Schritt 2: Den Istertrag sauber erfassen
Der tatsächliche Ertrag kommt aus dem Einspeisezähler, dem Monitoring oder den Wechselrichterdaten. Wichtig ist, vollständige Zeiträume zu betrachten, am besten ganze Jahre. Ein einzelner schwacher Monat sagt wenig, weil die Einstrahlung über das Jahr stark schwankt. Wer im November vergleicht und sich wundert, vergleicht das falsche.
Die Performance Ratio: der entscheidende Kennwert
Soll- und Istertrag allein hängen vom Wetter ab. Um die Qualität der Anlage unabhängig vom Wetter zu beurteilen, nutzt man die Performance Ratio (PR). Sie setzt den real erzeugten Ertrag ins Verhältnis zu dem, was die Anlage unter der tatsächlich vorhandenen Einstrahlung theoretisch hätte liefern können. Eine gut funktionierende Anlage erreicht eine PR von etwa 80 bis 85 Prozent oder mehr. Liegt der Wert deutlich darunter, arbeitet die Anlage nicht so, wie sie sollte – unabhängig davon, ob das Jahr sonnig war oder nicht.
Schritt 3: Abweichung einordnen – Alterung oder Mangel?
Nicht jede Abweichung ist ein Mangel. Kristalline Module verlieren über die Jahre an Leistung, typischerweise rund 0,5 Prozent pro Jahr. Eine zehn Jahre alte Anlage, die etwa fünf Prozent unter dem Neuwert liegt, ist also völlig normal. Mein Job ist es, die normale Degradation von einem echten Defekt zu trennen. Erst wenn die Abweichung über das hinausgeht, was Alterung und Wetter erklären, liegt ein nachweisbarer Minderertrag vor.
Die Ursache eingrenzen
Steht fest, dass die Anlage unterperformt, beginnt die Fehlersuche. Häufige Verursacher sind Teilverschattung, defekte Bypass-Dioden, Zellschäden, ein schwächelnder Wechselrichter, Verschmutzung oder eine fehlerhafte Verschaltung. Welche Methode greift, hängt vom Befund ab: Die Thermografie findet heiße Stellen und ausgefallene Module, die Elektrolumineszenz-Messung deckt Mikrorisse und strukturelle Zellschäden auf, die im Wärmebild unsichtbar bleiben.
Was ein belastbares Ertragsgutachten enthält
Ein Gutachten, das vor der Gegenseite oder vor Gericht Bestand hat, besteht nicht aus einem Bauchgefühl. Es enthält:
- die Sollberechnung mit nachvollziehbarer Datengrundlage und Quelle,
- die gemessenen Istdaten über einen aussagekräftigen Zeitraum,
- die Witterungsbereinigung die Performance Ratio,
- die Trennung von Degradation und Mangel,
- die konkrete Ursache mit Messbelegen,
- die Bewertung des wirtschaftlichen Schadens – also was der Minderertrag über die Restlaufzeit kostet.
Den Schritt von der Ertragslücke zum Geldbetrag mache ich über den Anlagenwert; wie der bestimmt wird, steht im Beitrag Eine PV-Anlage hat einen Wert – aber welchen?.
Wofür Sie den Nachweis brauchen
Ein Ertragsgutachten ist die Grundlage für mehrere Wege: für eine Gewährleistungsforderung gegenüber dem Installateur, für die Regulierung mit der Versicherung, für eine Kaufpreisminderung beim Ankauf einer gebrauchten Anlage oder als Beweismittel, wenn es zum Gerichtsverfahren kommt. Was ein Gutachten kostet und wann es sich lohnt, habe ich hier ehrlich eingeordnet.
Wenn Ihre Anlage hinter den Erwartungen zurückbleibt und Sie Klarheit brauchen, schreiben Sie mir über das Kontaktformular. Oft genügt ein Blick auf Ihre Ertragsdaten für eine erste Einschätzung.
Über die Autorin
Dr.-Ing. Anna Herman-Czezuch ist Sachverständige für Photovoltaik und betreibt das ahc Sachverständigenbüro in Köln. Sie erstellt unabhängige Gutachten für private und gewerbliche Anlagenbetreiber in Köln und ganz NRW. Eine Einschätzung zu Ihrer Anlage erhalten Sie über das Kontaktformular.